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Flügel Generalüberholt!

Bechstein Auffr 01General-Reparatur, Komplett-Überarbeitung, Runderneuerung etc. was bedeutet das?

Ein Blick in den dazugehörigen Wikipedia-Eintrag (Stand Feb. 2020) verrät erstmal nicht viel über die genaue Definition dieser Begriffe. Meiner Beobachtung nach passt zu den meisten Flügeln, die als generalüberholt angeboten werden, der Begriff Runderneuerung fast so gut wie zu Autoreifen. Die Assoziation, die mit den Worten "Erneuerung" und "Rundum" einhergehen entsprechen dem Eindruck dieser Flügel, die oft über hundert Jahre alt sind, aber wie neu aussehen. In den USA ist es zudem üblich den Resonanzboden zu erneuern, dies ist in Europa hingegen erst im Kommen. In genau dem Fall, dass neben dem Resonanzboden die Saiten und etliche Spielwerkskomponenten getauscht, also mit Neuware ersetzt werden, wird daraus ein schlüssiges Paket. Insofern dann alle maßgeblich klangprägenden Komponenten neu sind, erscheint es mir als zweitrangig wie alt der ursprüngliche Flügel ist und wie der Ausgangszustand war. Nun kommen wir zu dem Kern des Ganzen! Ist ein Steinway jetzt immer noch ein Steinway? Wenn dieser im Hause Steinway überholt wurde sicherlich. Falls dieser jedoch z.B. bei Bechstein überholt wurde und dort ein Bechstein Resonanzboden eingebaut wurde, ist es dann ein Bech-Steinway? Zwar darf vielleicht der alte Name auf dem Flügel stehen bleiben, aber die Fragen werden jetzt spannend! Ist es egal wer die Komponenten erneuert, solange die Ersatzteile in unserem Beispiel von Steinway kommen? Welche Rolle spielt dabei der Klavierbauer? 

Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass der Handwerker, der Arbeiten am Flügel ausführt, eine ebenso klangprägende Rolle spielt, wie der Konstrukteur, der die physikalischen Rahmenbedingungen vorgibt. Insofern könnte man dem Markennamen/Konstrukteur eine prozentuale Gewichtung geben und darüber hinaus versuchen die Rolle des Handwerkers im Piano zu identifizieren.

 

Ist neuwertig = fast wie neu?

Zumeist fällt bei generalüberholten Flügeln noch der Begriff neuwertig. Dies trifft sicherlich auf die neu eingesetzten Komponenten zu. Begegnet aber ein generalreparierter Flügel, welcher im Kern zum Teil aus über hundert Jahre altem Material besteht, einem neu produzierten Flügel auf Augenhöhe? Was den handelsüblichen Preis betrifft schon einmal nicht. Aber genau darum geht es ja eingentlich! Der Flügel ist nicht neu, einige Bestandteile schon, er sieht neu aus und kostet deutlich weniger als die Hälfte eines vergleichbaren neuen gleichnamigen Flügels. Ist das dann Augenwischerei oder gar ein Plagiat, weil etwas anderes draufsteht als evtl. drinsteckt? Ich denke auch hier ist der Preis ausschlaggebend. Jedem Interessenten kann durchaus bewusst sein was vor ihm steht, wenn er auf das Preisschild achtet.

 

Unterscheidet sich dies bei einer Flügel-Restaurierung?

Wenn bei der Restaurierung viel altes Material erhalten bleibt, könnte nach obigem Gedankenmodell auch der Alterungsgeschichte eine prozentuale Gewichtung zustehen. Trotz der wesentlich konservativeren Restaurierungsansätze muss ganz klar sein, dass auch hier nicht drinsteckt, was draufsteht. Die Alterung und die Restaurierung verfremdet, aber noch wesentlicher ist der Unterschied, dass ein C.Bechstein von 1910 und ein C.Bechstein von 2010 nicht nur einer anderen Konstruktion folgen, sondern auch einer anderen Fertigung unterliegen und andere Materialien verwendet werden. Dokumentation und Detailwissen liefern die nötige Abhilfe.

 

Zusammenfassung Flügel-Generalüberholung

Die Bergriffe Flügel General-Restaurierung, -Reparatur und -Überholung werden in der Praxis oft vermischt. Der Betrachter kann nur mittels Detail-Wissen feststellen ob eher ein modernisierender oder eher ein konservierender Weg eingeschlagen wurde. Da auf dem Weg der erneuernden Modernisierung viele irreversiblen Veränderungen durchgeführt werden, verlieren solche Flügel an kulturellem Wert. Dagegen sind Restaurierungen im Sinne des Erhalts als Kulturgut aufwendiger und teurer, damit für die Zukunft keine Wege verbaut werden.

 

 

Hammerköpfe

Foto 161Hammerkopf neu befilzen, neue Hammerköpfe oder alte Hämmer?

Wenn man über Flügel spricht, ist der Hammerkopf ein Dauerthema. Oft werden die Hämmer dabei sogar isoliert vom restlichen Piano betrachtet und müssen bald für fast alle Probleme herhalten. Oder aber sie sollen die Lösung für alle Probleme bieten. In der Flügelherstellung nehmen die Hammerköpfe nur einen kleinen Kostenpunkt ein, deren Nachbearbeitung verschlingt dagegen viel Zeit. Es gibt zahlreiche Theorien zum Hammerköpfe-Abziehen zur Erlangung der richtigen Hammerform, in der Art "ein spitzer Hammerkopf kling auch spitz" oder "ein Birnenförmiger klingt nach? ... Birne" oder umgekehrt. Noch viel umfangreicher sind die Theorien zur Intonation, wobei mittels zahlreicher zum Teil hunderter Nadelstiche nach mysteriösen Schemen der Filz optimiert werden soll. Natürlich verändert sich dadurch der Klang aber zumeist nicht sehr dauerhaft. Die Intonation soll die Unregelmäßigkeiten der Akustik ausgleichen, sprich den Klang an das schwächste Glied anpassen. Ob das klanglich so vorteilhaft ist? Dazu hat fast jeder schon seine eigenen Erfahrungen gesammelt. Könnte man nicht lieber die Akustik intonieren, damit es gar nicht erst zu Unregelmäßigkeiten kommt? Mit moderner Messtechnik scheint dies sogar machbar.

Ich hatte in einer historischen Literatur einmal gelesen, dass der Hammer, so wie er aus der Hammerkopf-Presse kommt, klingen muss und wohl auch tat. Ob dem so war oder dies auch nur eine weitere "Hammerkopf - Wahrheit" ist, weiß ich natürlich auch nicht. Aber neugierig bin ich doch. Ich hatte im Zuge meiner Studienarbeit etliche wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema gelesen. Die Lösungen auf meine Fragen waren dort auch nicht zu finden, aber ich hatte neue Anhaltspunkte. Schließlich wollte ich wissen, wie funktioniert der Hammerkopf im Allgemeinen und wo gibt es Unterschiede im Konkreten. Hierzu hatte ich versucht, die wichtigen physikalischen Größen zu isolieren und hierfür eine Messmethode entwickelt. Daraufhin konnte ich verschiedene Hammerköpfe etwas objektiver vergleichen. Neben klangprägenden Größen, die aber per se weder gut noch schlecht waren, konnte ich eine Größe isolieren, die mir sehr entscheiden erschien. Es ist so eine Art innere Reibung, genauer gesagt, der dissipative Anteil des viscoelastischen Federverhaltens des Hammerkopf-Filzes. Diese Reibung nimmt scheinbar durch allerlei Nachbearbeitung noch zu. Weshalb dies schlecht ist, sollte jedem einleuchten, insofern Reibung den Verschleiß erhöht und einem stabilen Klangbild im Wege steht. Eine Folge ist die rasche Veränderung der Intonation und der Klang wird nie mehr "so wie früher", bis vielleicht neue Hammerköpfe die Uhr zurückstellen.

Was nun? Die anfängliche Frage: Hammerkopf neu befilzen, neue Hammerköpfe oder alte Hämmer? Bei den Hammerköpfen aus dem Experiment hatten die alten Hämmer von 1900 eine etwas niedrigere innere Reibung. Neue und insbesondere junge gebrauchte Hammerköpfe hatten eine größere innere Reibung. Das Dilemma beginnt dann, wenn die alten Hämmer einfach zu abgespielt sind. Nun würde ich dahingehend einen neuen Hammerkopf der Neubefilzung vorziehen, da ich diesen Hammer vor dem Einbau testen kann und so nicht die Katze im Sack kaufe. Aus Sicht der Restaurierung wäre natürlich ein Neubefilzen schöner.

Die innere Reibung ist nicht konstant und verläuft auch nicht linear. Bei besonders leichtem Anschlag verläuft die Deformation bei einigen Hämmern fast rein elastisch, das heißt, ohne nennenswerte Reibungsverluste. Ich habe dies an verschiedenen Instrumenten getestet und war überrascht, dass man in der Tat beim leisesten Pianissimo das Gefühl hat, das unverfälschte Instrument zu hören und die Hammerkopf-Eigenheiten in den Hintergrund rücken. 

Ich werde an anderer Stelle noch gezielter auf die Hammerkopf-Physik eingehen. Geht man mit der Maus über das Bild oben, sind im Wechsel ein alter Bechstein-Hammerkopf und ein neuer Renner-Hammerkopf zu sehen. Deutlich sind die Unterschiede der Filzfaser und der Struktur zu sehen. Unten: Getestet Hammerköpfe.

Foto 149

Flügel-Restaurierung

Flügel RestaurierungAbgrenzung und Selbstverständnis

"Als Restaurierung bezeichnet man bei Kulturgütern die Wiederherstellung eines alten Zustandes, welcher oft im Laufe der Zeit verloren gegangen ist." So lautet der Eingangssatz des dazugehörigen Wikipedia-Eintrags (Stand Jan. 2020). Ferner gliedert sich dieser Artikel in einen akademischen und einen handwerklichen Restaurierungsansatz. Ich befürworte sehr, sich einmal mit den diversen Hintergründen der Bedeutung von Restaurierung und ähnlichen Tätigkeiten wie Reparatur oder Renovierung auseinanderzusetzten. Denn häufig stellt sich heraus, dass der Blickwinkel einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis hat. Denn selbst wenn man als Laie nicht immer genau versteht, was sich hinter gewissen Details versteck, kann der ausführende Handwerker die Philosophie des Kunden nur dann berücksichtigen, wenn diese auch verbalisiert wird.

Wenn ich nun den akademischen/musealen Restaurierungsansatz auf den Durchschnittszustand ca. 120 Jahre alter Flügel übertrage, können wohlklingende Ergebnisse dabei herauskommen, diese sind aber in der Regel sehr instabil. Was im Ausnahmezustand für eine betreute Tonaufnahme möglich ist, wird einen Musiker zuhause nicht lange glücklich machen. Es sind einfach sehr viele Verschleißteile nach 100 Jahren an ihrem Limit.

Eine Übereinkunft innerhalt des handwerklichen Restaurierungsansatzes kann ich im Klavierbau generell nicht erkennen. Es ist zwar so, dass Klaviere und Flügel von der Konstruktion/Physik fast identisch mit denen von vor 100 Jahren sind, jedoch hat sich das Handwerk zum Umsetzen dieser Konstruktion fundamental verändert. Einige traditionelle Handwerkstechniken werden gar nicht mehr praktiziert, die anderen wurden stark den maschinellen Fertigungsbedingungen angepasst. Eine organisierte Auseinandersetzung oder Vermittlung des traditionellen Wissensstands vom Klavierbau um 1900 kann ich nicht erkennen. In Folge dessen werden die meisten sogenannten Renovierungen, Generalüberholungen oder eben Restaurierungen mit modernen Arbeitstechniken ausgeführt.

Wenn wir uns die alten Wissensräume selbst durch Experiment und Forschung (wieder-)eröffnen, ist dies dadurch leider nicht gleich Stand des Handwerks – auch wenn jeder Leser dazu eingeladen ist, die hier veröffentlichten Erkenntnisse zu vertiefen. Es kommt sogar vor, dass andere Handwerksvertreter diese historisch reflektierten Arbeiten als "falsch ausgeführt" bezeichnen. Ich halte es aber dennoch für überaus wichtig und kulturell wertvoll, wenn seltene oder verloren gegangene Handwerkstechniken reanimiert werden. In einigen anderen Handwerksbereichen ist dies ja auch richtig erfolgreich geglückt. Man denkt an die hochwertigen handgemachten Schuhe die heute wieder in Mode sind.

Wie kann ich jetzt fehlerfrei die Worte Restaurierung, Reparatur und Co. verwenden? Da jeder Flügel eine individuelle Geschichte erfahren hat, versuchen wir, diese aufzugreifen und die Arbeiten individuell auszurichten. Ich werde wohl in Zukunft öfter das Wort Reparatur verwenden, da es etwas allgemeiner ist als die Bezeichnung Restaurierung. Der Leser kann aus dem Zusammenhang am besten sehen, welchen individuellen Blickwinkel wir zum jeweiligen Instrument eingenommen haben. Grundsätzlich schätze ich die im Instrument gespeicherte historische Handwerkskunst und versuche, ihr immer mit Aufmerksamkeit und Achtung zu begegnen und genau das verbinde ich mit dem Begriff Restaurierung.

Den Klang verstehen

Hammertest

um diesen zu lenken.

Grob lässt sich der typischen Klavierklang analysieren und von anderen Instrumenten unterscheiden. Dafür werden der charakteristische Partialtonaufbau, die vom Anschlag angeregten perkussiven Anteile und der Zeitverlauf beobachtet. Hieraus nun den Unterschied zwischen einem Klavier und einer Geige zu erkennen ist recht einfach. Die deutlich hörbaren Unterschiede zwischen zwei verschiedenen Flügel sind dagegen kaum erkenntlich. Es bedarf da schon etwas kompliziertere Software um deutliche Darstellungen zu generieren. Der benötigte theoretischen Tiefgang und die ausdauernden Messungen um diese Unterschiede darzustellen, schieben dieses Vorhabe in die Rubrik Forschung und Wissenschaft.

Sucht man zusätzlich den Zusammenhang zwischen Klang und Konstruktion wird es noch viel komplexer. Betrachtet man das ganze experimentell, so könnte nach einer konstruktiven Veränderung die Klangveränderung gemessen und dargestellt werden. Will man das ganze dagegen im Detail physikalisch erklären um die Ursachen zu verstehen, übersteigt dies die bisher geleisteten Forschung zum Thema Klavier.

Der Praktiker hat es da etwas einfacher. Mehr beiläufig trainiert er seine Intuition, welche Ursache und Wirkung verknüpft. Da dies aber subjektiv geschieht, kann dieses Wissen nur schwer vermittelt werden. So wurden die komplette Klavierentwicklung bis weit ins 20 Jhd. hinein, primär experimentell quasi evolutionär nach Versuch und Irrtum vorrangeschoben. Das Verständnis war aber so schwer zu vermitteln, dass über die Hintergründe bis auf wenige Literatur kaum etwas bekannt ist.

Hammertest

Heute nutzen wir vereinfachte physikalische Modelle, welche zwar deutlich übervereinfacht sind, aber gut kommuniziert werden können. Sofern man die Vereinfachung nicht ignoriert sondern immer wieder hinterfragt, werden Irrwege vermieden. So lassen sich mittels dieser Modelle und passender Messungen zuvor unsichtbare Parameter und Hintergründe rekonstruieren. Als Beispiel sei da die Hammerelastizität genannt. Zwei optisch identische Hämmer können doch verschieden klingen, so ist hier die optische Beurteilung irreführend. Es bedarf daher anderer Parameter, die die Funktion treffend beschreiben.

Auf der oberen Abbildungen ist eine Mechanik nachgestellt. Der Hammer schlägt hier jedoch gegen einen Kraftsensor. Ein Beschleunigungssensor misst dabei dessen Bewegung. Die hieraus darstellbaren Hysteresen sind auf der unteren Abbildung zu sehen. In rot dargestellt, ein vereinfachtes Computermodell eines simulierten Hammers.

Rothe, J. Z Herz- Thorax- Gefäßchir (2016) 30: 132.

"The final publication is available at Springer via http://dx.doi.org/10.1007/s00398-016-0060-y".

Auf der Suche nach dem „richtigen“ Klavier

BuchAuch wenn früher nicht alles besser war,...

... waren es die Klaviere vielleicht doch?

Musikalische Ambitionen, die nicht für die Bretter der Welt bestimmt sind, kommen doch oft im Privaten zur Geltung. Vielleicht kommen diese hier sogar zur Vollendung, denn die Kunst im Privaten ist zumeist frei von äußeren Zwängen. Es sind daher viele Hobbymusiker, die die Werkstatt des Autors aufsuchen und darunter häufig auch Ärzte. Dies führte zu einer Verbindung, aus der der Gedanke erwuchs, einen Beitrag für die vorliegende medizinische Fachzeitschrift zu schreiben. Ob dem nun ein besonderer Grund oder reiner Zufall zugrunde liegt, ist nicht klar. Hier soll es jedoch um Klaviere und Flügel gehen. Speziell um Instrumente des endenden 19. und frühen 20. Jhs. Dieser Zeitraum beschreibt den Hochpunkt des deutschen Klavierbaus [2] und steht für technisch ausgereifte Pianos, die nach alter Tradition gebaut wurden.

Was zeichnet die alten Klaviere
aus?

Es ist die Suche nach dem ganz speziellen Charakter, der mal stark oder auch nur ganz schwach aus den „alten Klapperkisten“ zum Vorschein kommt. Die Mischungen verschiedenster Geräusche, die auf den Verschleiß schließen lassen, können doch das Schöne nicht ganz überdecken. Schließlich hat der Klang neben dem hohen Gewicht und dem dekorativen Design den über 100 Jahre alten Instrumenten bisher das Überleben gesichert. Doch wie wichtig ist dabei der Klangaspekt überhaupt? Zurzeit gibt es enorm viele alte Tasteninstrumente, die auf dem Gebrauchtwarenmarkt veräußert werden. Ein Blick in Ebay genügt, um bei der Klaviersuche vollends verunsichert zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Alltagsprodukten gilt für Klaviere, dass neu nicht immer die erste Wahl ist. Da die Alterung und der Verschleiß recht langsam erfolgen, sind gebrauchte Klaviere eine ernst zu nehmende Alternative zu neuen Instrumenten. Neben diesen häufig bis zu 30 bis 40 Jahre alten Klavieren gibt es aber auch weitaus ältere Modelle aus der vorletzten Jahrhundertwende. Was diese Instrumente auszeichnet, sind ein voller Klang und hervorragende Qualität. Allerdings kann ein Flügel nach 100 Jahren kaum ohne aufwendige Instandsetzung genutzt werden.
Warum gerade dieses Alter besonders herausragt, kann anhand der Geschichte gezeigt werden.

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"The final publication is available at Springer via http://dx.doi.org/10.1007/s00398-016-0060-y".

Klavierlack oder die „Kunst des Lackierens"

boesendorfer lackierenNur wenige Möbel, Autos und andere Gebrauchsgegenstände wurden so aufwendig lackiert wie Klaviere und Flügel. Dies hat seit über 200 Jahren Gültigkeit. Und so steht der Klavierlack ganz allgemein für Lackierungen in höchster Vollendung.

Dies ist wahrlich eine Kunst, da die Eigenschaften des Lacks so günstig zu nutzen sind, dass die einfallenden Lichtstrahlen möglichst geschickt in Wirkung gesetzt werden.

Die Eleganz von Palisander, die Seidigkeit von Eisbirke oder die Tiefe einer schwarzen Hochglanzfläche liegt letztlich in der Hand des Lackierers.

Franz Wenzel spricht 1926 von Luxuslackierung in höchster Vollendung, wenn er über die Lackierung von Klavieren schreibt. Diese und andere Bezeichnungen zeigen, dass Klavierlack primär für eine hohe Lackierqualität und nicht für ein spezielles Verfahren steht.

Der zeitlichen Entwicklung nach kamen früher Schleiflacke und Polituren zum Einsatz, während heute Nitro-, Acryl-, PU- und Polyesterlacke verwendet werden.

PolyesterlackDas Aussehen von schwarz polierten Polyesterflächen assoziieren wir heute besonders mit Klavierlack. So bekommt in der Werbung fast jede schwarz hochglänzende Fläche das Prädikat Klavierlack.

Die Vergangenheit geht dabei wesentlich vielschichtiger mit der Thematik um. Während es heute leicht möglich ist allem ein schwarz hochglänzendes Aussehen zu geben, war dies zu Beginn eine Besonderheit. Die Klaviere des frühen 19. Jhd. waren zumeist holzfarben ausgeführt, sodass hierbei eine Vielzahl heimischer und exotischer Hölzer als Dekor Verwendung fanden. Erst ab 1850 kamen schwarze Lackierungen in Mode.
Im Gegensatz zu einer holzfarbenen Fläche wirkt eine schwarze Hochglanzfläche wie ein abgedunkelter Spiegel, in dem sich jede Unebenheit sofort im Spiegelbild bemerkbar macht. Diese Besonderheit verlangt eine enorm hohe Güte des Untergrunds und der Lackierung - Eine Herausforderung - insbesondere was die großen, geraden Flächen eines Flügels angeht.

Bis heute gibt es keinen Lack der ohne entsprechende Nachbehandlung ausreichend gut verfließt, sodass immer diverse Schleif- und Poliervorgänge erforderlich sind.

In der neueren Zeit werden moderne Lacke mittels Sprühpistole aufgebracht, während früher mit dem Pinsel lackiert oder mit dem Ballen poliert wurde.

Vom Lackieren spricht man immer dann, wenn lediglich Lack aufgetragen wird. Schleifen und polieren beinhaltet dabei das Glätten der Fläche.

Während beim Polieren von lackierten Flächen von diesen etwas Material abgetragen wird, ist das Hand- oder Schellackpolieren ein auftragendes Polier-Verfahren. Hierbei wird mittels eines Stoffbausches etwas Schellacklösung aufgetragen. Dies ergibt so dünne Schellack-Schichten, dass die Fläche dabei immer glatt bleibt.

Modere Lackiermethoden

Polyester reperaturkitZunächst soll auf die modernen Lacke eingegangen werden, während später die historischen Lackiermethoden ausführlich betrachtet werden.

Der erste moderne Lack kommt Anfang des 20 Jhd. auf den Markt. Hierzu werden statt der bisher üblichen Naturharze, solche aus künstlicher Herstellung verwendet.
Diese waren vor allem billig und im großen Maße verfügbar. Zwei Eigenschaften, die eine Ära der Kunstlackentwicklung nach sich zogen. Das Prinzip, dass Harze - ob natürliche oder künstliche - in einem Lösemittel gelöst werden, blieb seit jeher gleich. Erst Mitte des 20 Jhd. setzten sich auch komplett aushärtende, anschließend unlösliche Lacke durch. Hierzu zählen auch die Polyesterlacke, die heute besonders durch schwarze Klavierlackierungen ersichtlich sind. Polyesterlack bildet eine recht dicke Schicht, die gut schleifbar und polierbar ist. Nachteilig ist dabei die fehlende Löslichkeit und damit die Irreversibilität der Lackierung, sowie die formverfremdende Wirkung durch die dicke Lackschicht. Für die Restaurierung sind Polyesterlacke daher ungeeignet.
Heute werden Lacke zumeist mit Druckluft aufgesprüht. Das besonders ebene Aussehen entsteht durch diverse Zwischenschliffe und das finale Polieren, welches ein immer feiner werdendes Schleifen darstellt.
Daher kann der moderne Begriff 'Klavierlack' durchaus mit dem traditionellen Schleiflack gleichgesetzt werden. Zwar haben sich die Lacke in den letzten 100 Jahren verändert, der Wunsch nach einer perfekt ebenen Fläche blieb jedoch erhalten.

Historische Lackiertechniken

schleiflackFrüher wurde Schleiflack mittels Pinsel aufgetragen. Viele Schichten nacheinander wechselten sich mit diversen Schleifintervallen ab. Wie heute auch, wurde zum Abschluss die Fläche auspoliert. Je nachdem welche Verwendung der zu lackierende Gegenstand später hatte, konnte man auf verschiedenartige Lacke zurückgreifen. Bei Klavieren waren dies meist Lacke auf Spiritusbasis, wobei für Exporte in tropische Länder auch dauerhaftere Lacke genutzt wurden. Bei stärker beanspruchten Gegenständen waren dies meist fette Leinenöllacke. Prinzipiell gilt dabei: Je höher der Schmelzpunkt des Harzes, desto robuster ist es später.
Bei Klavieren sind Spirituslacke auf Schellack- oder Kopal-Basis besonders geeignet. Zudem werden ätherische Öle und weitere Harze beigemischt, um die Verarbeitung und das Fließverhalten zu verbessern. Besonders gute Spirituslacke verlaufen zu absolutem Hochglanz.
Harze sind dabei die getrockneten Baumsäfte, welche in Alkohol, Terpentin oder Leinöl löslich sind. Schellack ist im engen Sinne kein echtes Harz, da es nicht rein pflanzlich ist. Dieser lässt sich aber gut in Alkohol lösen und bietet einige vorteilhafte Eigenschaften.

Historische Poliertechniken

PolierballenAls eine einfache, aber praktische Alternative zum Lackieren bietet sich das Polierverfahren an. Der Ablauf ist dabei ein anderer, der verwendete Lack jedoch vergleichbar mit den Spirituslacken. Da meistens Schellack zum Polieren verwendet wird, spricht man von Schellackpolitur, Handpolitur oder Schellackhandpolitur. Im Gegensatz zu den abrasiven Polierverfahren der Schleif- und Sprühlacke, ist das Handpolieren ein auftragendes Polierverfahren. Ein in Leintücher geschlagener Stoffbausch wird mit stark verdünntem Lack getränkt und immer wieder über die zu lackierende Fläche geführt. Dabei verschmelzen die dünnen Lackschichten miteinander zu einer glatten Fläche. Entscheidend für das Gelingen einer schönen Oberfläche ist ein ebener Grund. Da Holz eine porige und faserige Struktur hat, gilt es diese zu schließen und zu verfestigen, ohne dabei einen trüben Schleier durch eine Grundierung zu erhalten. Dazu wird etwas Bimsmehl oder Tripel mit Schellack in die Poren gerieben bis eine glasige Fläche entsteht, die gerade so die Poren verschließt. Hierdurch fängt das Holz bereits an zu glänzen, ohne dass sich eine Lackschicht auf dem Holz befindet. Nach wenigen dünnen Schellackschichten bekommt das Holz ein schönes Aussehen ohne verfremdende oder gar künstliche Wirkung. Übermäßiger Einsatz von Bimssteinmehl führt zu trüben Flächen, bei denen nach einiger Zeit weißliche Poren zu sehen sind.

Historische Lacke

KopallackDie Lacke mit denen früher poliert oder lackiert wurde, sind eine Lösung von Harzen in Lösemittel. Als Lösemittel wurden für schnell trocknende Lacke Alkohol, für mittlere Trocknungsdauer Terpentinöle und für besonders dauerhafte, langsam trocknende Lacke Leinöl verwendet.
Je nach Bedarf wurden dabei verschiedene Harze verwendet. Geschmolzener Bernstein, gelöst in siedendem Leinöl, war die solideste Variante.
Spirituslacke auf Alkoholbasis ergeben sehr schöne, jedoch nur für den Innenraum geeignete Oberflächen. Dazwischen gibt es jede Menge verschiedener Abstufungen.
Die beim Klavierbau verwendeten Spirituslacke bestanden in den besten Jahren aus Lösungen von Schellack und Kopal. Dabei gibt es auch hier viele Unterschiede und Rezepturen. Für Polituren wurden reine Harzlösungen bevorzugt, beim Lackieren bediente man sich noch an Zusätzen ätherischer Öle, welche zu einem besseren Fluss verhelfen. Als Beispiel sei hier das Terpentin aus Lärchen genannt.

KnopflackWährend Schellack ein leicht wachshaltiges und in vielen Farbabstufungen erhältliches Harz ist, sind gute Kopale härter, glasklar und nur schwach gelblich gefärbt. Die stark variierenden Härtegrade der Kopale ermöglichen, dass es für jedes Lösemittel eine passende Kopalart gibt. Der Begriff Kopallack kann irreführend sein, wenn nicht gleichzeitig auf das verwendete Lösemittel und das damit verbundene Anwendungsgebiet hingewiesen wird. Es gibt noch zahlreiche weitere Harze, die für Lacke verwendet wurden, jedoch sind wegen der Robustheit besonders die vorab genannten zu gebrauchen.
Am Rande sei angeführt, dass ölhaltige Lacke besonders für den Außenbereich oder den feuchten Innenbereich verwendet wurden. Als Beispiel sind Karosserielacke oder solche für Küchentische genannt.
Seit den Anfängen des 20Jhd. setzten sich auch vermehrt günstige Kunstlacke durch. Die Ersten dieser Art bestanden aus chemisch verändertem Kolophonium, welches ein eher minderwertiges Harz aus heimischen Nadelbäumen ist.

Literatur

Die Recherchen zu den Ausführungen basieren auf eigenen Versuchen und den Quellen historischer Fachliteratur.
Genannt seien hier:

  • Die Fabrikation der Copal-, Terpentinöl- und Spiritus-Lacke, Louis Edgar Andés, A. Hartleben, 1895
  • Die technischen Vollendungsarbeiten der Holz-Industrie, Louis Edgar Andés, A. Hartleben, 1888
  • Die Vollendungsarbeiten in der Schreinerei, Jacob Krall, K.Zimmermann, 1926
  • Das Lackierer-Buch, Franz Wenzel, Jüstel & Göttel, 1926
  • Das Schleifen Beizen und Polieren, Wilhelm Scmidt, Voigt Weimar, 1891

Resonanzboden, die Musik im Instrument.

Resonanzboden 01Der Resonanzboden, das klingende Instrument eines Flügels, unterliegt einem stetigen Alterungsprozess. Dabei verändert sich das Holz, sodass dieses mit hohem Alter steifer, dichter und elastischer wird. Eigenschaften die den Klang verändern. Holz alter Resonanzböden vermag so eine einzigartige Klangfülle und Tonfeinheit zu produzieren.
Durch den Alterungsprozess verliert der Resonanzboden leider auch an Spannung, welche maßgeblich die Dynamik steuert und den Obertonaufbau beeinflusst. Alte Flügel haben so zwar oft einen schönen romantischen Klang, sind jedoch nicht mehr ausreichend konzertant. Um beim Restaurieren der Flügel die Klangkraft und Dynamik zu regenerieren, muss die Wölbung und damit die Spannung des Resonanzbodens wieder hergestellt werden.
Der ursprünglich gewölbte Boden zeigt letztlich durch mehr oder weniger stark ausgeprägte Risse, dass die Wölbung durch den natürlichen Schwund im Holz gänzlich verbraucht ist. Die Risse allein stellen so kein Qualitätsunterschied da, denn die meiste Spannung ist bereits deutlich früher verloren gegangen. Es ist dabei klar, dass dieser Alterungsprozess bei jungem Holz anfangs deutlich schneller und später kaum noch spürbar ist. Wird ein alter Resonanzboden wieder in Stand gesetzt, so kann anschließend von einer deutlich verbesserten Klangstabilität ausgegangen werden.
Zur Spannung selbst sei angemerkt, dass es verschiedene Techniken zur Wölbung gibt, die ein Anpassen der Dynamik ermöglichen. Ledigliches Füllen der entstandenen Risse ist dabei nicht ausreichend.

Saitenschwingung und Mensur,

Besaiten 07ein eher theoretisches Konstrukt.

Angeregt durch den Anschlagsimpuls des Hammers fangen die Saiten an zu schwingen. Die physikalischen Eigenschaften der Saite filtern den breitbandigen Hammerimpuls, sodass aus dem Anschlagsgeräusch ein Klangspektrum entsteht. Dabei bilden Saitenlänge und Durchmesser zusammen mit den Hammerparametern: Anschlagspunkt, Hammermasse und Federsteifigkeit, einen charakteristischen Partialtonaufbau in der Saitenschwingung. Die Ganzheit dieses Konstrukts aller Saiten zusammen, bezeichnet man als Mensur. Das Wort wird in der Musik auch bei anderen Instrumenten für andere Bereiche genutzt. Was diesem dabei gemein ist, ist die charakterbildende Bedeutung dieses Bereichs. Genau genommen gehört vom Hammer nur der Anschlagspunkt zur Mensur, da aber auch die anderen beiden Hammerparameter untrennbar die Saitenschwingung beeinflussen, möchte ich diese hier betonen. Den Klang der isolierten Mensur können wir nicht hören, da die Saiten zu dünn sind, um einen entsprechenden Luftschall anzuregen. Die Mensur bleibt so ein eher theoretisches Konstrukt, welches beispielsweise an Rechnern analysiert werden kann. Abgesehen von einigen breitbandigen Anschlagsgeräuschen oder sehr hochfrequenten Saitenschwingungen, wird der Klang maßgeblich vom Resonanzboden abgestrahlt. Resonanzboden und Steg filtern erneut die Saitenschwingung und koppeln die Saiten untereinander. Dies erfolgt nichtlinear sowohl in der Zeit wie auch in der Frequenz. Ein einfacher Transfer von der Saitenschwingung auf den hörbaren Luftschall ist nicht möglich, bzw. Versuche klingen dann so synthetisch wie ein Keyboard.

Der Stimmstock

Stimmstock 04

20 Tonnen brauchen ein festes Fundament.

Der Stimmstock, ein Hartholz, welches unter der Gussplatte sitzt und die Saiten auf Spannung hält, gibt den Wirbeln und somit den Saiten ein festes Fundament. Die Zugspannung der Saiten beträgt mit unter 20 Tonnen und mehr. Dieser ist nicht jeder Stimmstock auf Dauer gewachsen. Oftmals ist es ausreichend, den Stimmstock zu restaurieren. Ist dieser jedoch zu stark in Mitleidenschaft gezogen, wird er ersetzt. Ein Holz, welches eine gute Kombination aus Härte und Zähigkeit aufweist, ist Bergahorn. Dieser wird in verschiedenen Schichten über Kreuz verleimt, um den Stimmwirbeln einen möglichst festen Sitz zu geben. Da der Stimmstock unter der Gussplatte sitzt und zum Teil ins Gehäuse eingebaut wird, ist die Instandsetzung mit viel Arbeit verbunden. Da bei den meisten alten Flügeln die Stimmhaltung nicht mehr gewährt werden kann, sind diese Restaurierungsarbeiten fast unvermeidbar. Durch den tiefen Eingriff und der kompletten Demontage der akustischen Anlage wird in der Regel neben dem Stimmstock auch der Resonanzboden restauriert. Saiten und Stimmwirbel müssen dabei ohnehin ausgetauscht werden.

Gussplatte bronzieren,

25etwas verstaubt aber noch nicht verschwunden.

Die traditionelle Oberflächenbehandlung der Gussplatte ist das Bronzieren. Heute werden hierfür Bronzepulver in Lack verrührt und aufgesprüht. Wie dies vor 100 Jahren gemacht wurde, ist nicht ganz klar. Die Optik einer alten Bronzierung ist weniger diffus als die heutigen. Das einfallende Licht wird etwas gerichteter reflektiert und erinnert etwas an eine Blattvergoldung. Da ohnehin jeder Hersteller hierfür etwas andere Techniken verwendete, fällt es heute sehr schwer vergleichbare Ergebnisse zu erzielen. Nach der Recherche in etlichen verstaubten und nur noch antiquarisch erhältlichen Büchern zur Lackierkunst und Vergoldung, haben wir einige Hinweise für eine historische Bronzierung gefunden. Hierbei werden verschiedene Bronzepulver auf die Gussplatte aufgestäubt. Dabei entsteht ein Metalleffekt, der so mit den heute üblichen Lackierverfahren nicht möglich ist. Aufgebracht wird die Bronzierung auf einen Ocker-, Asphalt- oder Gipsgrund, der auf das raue Gusseisen gespachtelt wird. Spezielle Lacke bilden anschließend einen Schutzfilm, sodass die Bronzen nicht oxidieren.
Glücklicherweise sind die meisten Materialien für eine solche Bronzierung noch erhältlich. Doch der Trend hin zu großer Massenproduktion wird in den nächsten Jahren die Vielfalt wohl schmälern.

Gehäuse: Möbel und/oder Klangkörper?

33Die alte Kunst des Lackierens und Polierens verleiht dem Flügel seine unvergleichbare Eleganz. Ausgeklügelte Formen schaffen ein ausgewogenes Bild, welches mit hohem Wiedererkennungswert den einzelnen Herstellern und der Zeitepoche des ausgehenden 19 Jhd. Zeugnis trägt. Die natürlichen Harze aus denen nach traditionellen Verfahren Lacke hergestellt werden, verbinden sich so innig mit dem Holz, dass ein unvergleichbar tiefes Farbbild erzeugt. Zudem sind derartige Lacke immer wieder lösbar und restaurierbar.
Doch wie verhält es sich mit dem Klang? Ist nicht nur der Resonanzboden klangabstrahlendes Instrument? Nun wird es komplizierter. Erstens gibt es je nach Hersteller verschiedenen Konzepte, das Gehäuse zu formen und zweitens hängt der Resonanzboden nun mal am Gehäuse. Ein gerade heute weitverbreitetes Gehäusekonzept ist, dieses möglichst steif zu gestalten, sodass möglichst wenig Energie aus dem Resonanzboden in Raste und Rim abfließen. In diesem Fall sind die dann auftretenden Gehäusemoden so klein, dass man diese vernachlässigt. Hierbei ist das Gehäuse aber immer noch Energieabsorber, denn ein Teil der Energie wird immer absorbiert. Eine Eigenart dieser Konstruktion ist das starke Anfangsvolumen des Tons direkt nach dem Anschlag.
Andere Gehäusekonzepte lassen durch etwas dünnere Balken- und Rimformen oder rastenlose Gehäuse, mehr oder weniger bewusst, das Gehäuse mitschwingen. Dabei entstehen wieder Eigencharakter und Wiedererkennungswerte. Der Energiefluss ist hier schwieriger zu steuern. Wichtig ist dabei, dass das Gehäuse dennoch möglichst wenig Energie dissipiert z.B. durch dicken Polyester-Lack, denn die Energie fließt ja auch wieder zurück in den Resonanzboden.

Ein Spielwerk

mechanik 6aus Mechanik, Klaviatur und Dämpfung

Mechanik, Tasten und Dämpfung bilden ein zusammenhängendes dynamisches System, das Spielwerk. Dieses gewährt dem Pianisten die Kontrolle über die akustische Anlage.
Meist sind die Spielwerke, trotz jahrzehntelangem Gebrauch, nach ihrer Restaurierung wieder komplett funktionstüchtig. Bemerkenswert ist, dass gute Mechaniken nach dieser langen Zeit immer noch kleinere Toleranzen aufweisen, als die neu produzierten.
Alte Flügel variieren, aufgrund ihrer verschiedenen Mechaniktypen und deren unterschiedlichen Hebelverhältnisse, wesentlich in ihrer Spielweise. Diese vorteilhafte Variationsbreite bleibt bei der Restaurierung erhalten.
Der Hammer bildet dabei das Verbindungsglied zwischen Mechanik und Akustik. Neben der präzisen Regulation der Mechanik entscheidet die Qualität des Hammers über den Klangcharakter, der schließlich aus dem Repertoire der Akustik ausgewählt wird.

Schellack Handpolitur

schellack 013Beim Schellackpolieren wird mittels eines Ballens mit jedem „Überwischen" eine hauchdünne Lackschicht erzeugt. Nach anfänglichem Porenfüllen, wofür dem Schellack etwas Bimsstein zugesetzt wurde, wird das Holz nur gerade so lange poliert, bis es eben zu glänzen beginnt. Es erscheint dann so, als ob das Holz selbst anfängt zu glänzen. Diese Technik verleiht der Oberfläche die edelste aller Erscheinungsformen, da der Lack selbst dabei in den Hintergrund tritt. Sämtliche Formen, die dem Holz angedacht sind, bleiben dabei erhalten. Die Haltbarkeit einer solchen Politur ist nicht unerheblich, denn das Bimsteinpulver verhilft der Holzfläche zu großer Härte.

Lacke aus Naturharz gelöst in Alkohol

lack 08Überall dort wo das Polieren nicht möglich oder nicht sinnig ist, gibt es eine Vielzahl an historischen Lackrezepten, die dafür gute Dienste leisten. So wird ein Schellack durch den Zusatz von ätherischen Ölen streichbar. Einem Resonanzboden gibt ein Kolophoniumlack seit jeher besten Schutz.

Bewährte Materialien und Techniken

faerben 02Viel Wissen aus den alten Handwerken ist verschüttet. Dadurch hat sich die Vielfalt stark reduziert. Mit hohem Aufwand ist es jedoch möglich vergleichbare Ergebnisse und Techniken zu regenerieren. Das Mischen von besonderen Lacken oder das Färben von Filzen gehören ebenso dazu, wie das Bronzieren nach alter Tradition.
Dabei ergibt sich hieraus ein doppelter Nutzen. Einmal ist es rein optisch eine Augenweide, die Dinge so zu sehen, wie sie einst aussahen, zum Anderen waren die alten Techniken auf Funktion optimiert und nicht wie heute vielfach nur auf die wirtschaftliche Ausbeute.

Etwas aus unserer Geschichte

Zwei Brüder mit einer jungen Werkstatt und einer alten Geschichte

Bereits 1880 begann unser Altonkel Oswald Kasig in der Betriebsführung des Traditions-Klavierbauunternehmens Ed. Seiler Liegnitz. Sein Neffe Edmund Kasig, unser Urgroßvater, lernte dort neben seiner Schreinerarbeit die Polier- und Stimmkunst. Die Liebe zur Musik und zum Handwerk ist unserer Familie bis heute erhalten geblieben. Früh begannen wir mit dem Klavierspielen. Ermuntert durch die Faszination vom Klang alter Instrumente, fing Jendrik bereits im Alter von zwölf Jahren an, sein erstes Klavier zu restaurieren. Mit wachsendem Enthusiasmus folgt er nun seit dem seiner Leidenschaft als Klavierbauer und Restaurator. So verwundert es nicht, dass auch ich mit vollem Ehrgeiz und im Sinne der Familientradition seit ich 14 bin zusammen mit meinem Bruder den Pianos folge.

Neuster Beitrag

Flügel Generalüberholt!

Bechstein Auffr 01General-Reparatur, Komplett-Überarbeitung, Runderneuerung etc. was bedeutet das?

Ein Blick in den dazugehörigen Wikipedia-Eintrag (Stand Feb. 2020) verrät erstmal nicht viel über die genaue Definition dieser Begriffe. Meiner Beobachtung nach passt zu den meisten Flügeln, die als generalüberholt angeboten werden, der Begriff Runderneuerung fast so gut wie zu Autoreifen. Die Assoziation, die mit den Worten "Erneuerung" und "Rundum" einhergehen entsprechen dem Eindruck dieser Flügel, die oft über hundert Jahre alt sind, aber wie neu aussehen. In den USA ist es zudem üblich den Resonanzboden zu erneuern, dies ist in Europa hingegen erst im Kommen. In genau dem Fall, dass neben dem Resonanzboden die Saiten und etliche Spielwerkskomponenten getauscht, also mit Neuware ersetzt werden, wird daraus ein schlüssiges Paket. Insofern dann alle maßgeblich klangprägenden Komponenten neu sind, erscheint es mir als zweitrangig wie alt der ursprüngliche Flügel ist und wie der Ausgangszustand war. Nun kommen wir zu dem Kern des Ganzen! Ist ein Steinway jetzt immer noch ein Steinway? Wenn dieser im Hause Steinway überholt wurde sicherlich. Falls dieser jedoch z.B. bei Bechstein überholt wurde und dort ein Bechstein Resonanzboden eingebaut wurde, ist es dann ein Bech-Steinway? Zwar darf vielleicht der alte Name auf dem Flügel stehen bleiben, aber die Fragen werden jetzt spannend! Ist es egal wer die Komponenten erneuert, solange die Ersatzteile in unserem Beispiel von Steinway kommen? Welche Rolle spielt dabei der Klavierbauer? 

Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass der Handwerker, der Arbeiten am Flügel ausführt, eine ebenso klangprägende Rolle spielt, wie der Konstrukteur, der die physikalischen Rahmenbedingungen vorgibt. Insofern könnte man dem Markennamen/Konstrukteur eine prozentuale Gewichtung geben und darüber hinaus versuchen die Rolle des Handwerkers im Piano zu identifizieren.

 

Ist neuwertig = fast wie neu?

Zumeist fällt bei generalüberholten Flügeln noch der Begriff neuwertig. Dies trifft sicherlich auf die neu eingesetzten Komponenten zu. Begegnet aber ein generalreparierter Flügel, welcher im Kern zum Teil aus über hundert Jahre altem Material besteht, einem neu produzierten Flügel auf Augenhöhe? Was den handelsüblichen Preis betrifft schon einmal nicht. Aber genau darum geht es ja eingentlich! Der Flügel ist nicht neu, einige Bestandteile schon, er sieht neu aus und kostet deutlich weniger als die Hälfte eines vergleichbaren neuen gleichnamigen Flügels. Ist das dann Augenwischerei oder gar ein Plagiat, weil etwas anderes draufsteht als evtl. drinsteckt? Ich denke auch hier ist der Preis ausschlaggebend. Jedem Interessenten kann durchaus bewusst sein was vor ihm steht, wenn er auf das Preisschild achtet.

 

Unterscheidet sich dies bei einer Flügel-Restaurierung?

Wenn bei der Restaurierung viel altes Material erhalten bleibt, könnte nach obigem Gedankenmodell auch der Alterungsgeschichte eine prozentuale Gewichtung zustehen. Trotz der wesentlich konservativeren Restaurierungsansätze muss ganz klar sein, dass auch hier nicht drinsteckt, was draufsteht. Die Alterung und die Restaurierung verfremdet, aber noch wesentlicher ist der Unterschied, dass ein C.Bechstein von 1910 und ein C.Bechstein von 2010 nicht nur einer anderen Konstruktion folgen, sondern auch einer anderen Fertigung unterliegen und andere Materialien verwendet werden. Dokumentation und Detailwissen liefern die nötige Abhilfe.

 

Zusammenfassung Flügel-Generalüberholung

Die Bergriffe Flügel General-Restaurierung, -Reparatur und -Überholung werden in der Praxis oft vermischt. Der Betrachter kann nur mittels Detail-Wissen feststellen ob eher ein modernisierender oder eher ein konservierender Weg eingeschlagen wurde. Da auf dem Weg der erneuernden Modernisierung viele irreversiblen Veränderungen durchgeführt werden, verlieren solche Flügel an kulturellem Wert. Dagegen sind Restaurierungen im Sinne des Erhalts als Kulturgut aufwendiger und teurer, damit für die Zukunft keine Wege verbaut werden.