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Rothe, J. Z Herz- Thorax- Gefäßchir (2016) 30: 132.

"The final publication is available at Springer via http://dx.doi.org/10.1007/s00398-016-0060-y".

Auf der Suche nach dem „richtigen“ Klavier

BuchAuch wenn früher nicht alles besser war,...

... waren es die Klaviere vielleicht doch?

Musikalische Ambitionen, die nicht für die Bretter der Welt bestimmt sind, kommen doch oft im Privaten zur Geltung. Vielleicht kommen diese hier sogar zur Vollendung, denn die Kunst im Privaten ist zumeist frei von äußeren Zwängen. Es sind daher viele Hobbymusiker, die die Werkstatt des Autors aufsuchen und darunter häufig auch Ärzte. Dies führte zu einer Verbindung, aus der der Gedanke erwuchs, einen Beitrag für die vorliegende medizinische Fachzeitschrift zu schreiben. Ob dem nun ein besonderer Grund oder reiner Zufall zugrunde liegt, ist nicht klar. Hier soll es jedoch um Klaviere und Flügel gehen. Speziell um Instrumente des endenden 19. und frühen 20. Jhs. Dieser Zeitraum beschreibt den Hochpunkt des deutschen Klavierbaus [2] und steht für technisch ausgereifte Pianos, die nach alter Tradition gebaut wurden.

Was zeichnet die alten Klaviere
aus?

Es ist die Suche nach dem ganz speziellen Charakter, der mal stark oder auch nur ganz schwach aus den „alten Klapperkisten“ zum Vorschein kommt. Die Mischungen verschiedenster Geräusche, die auf den Verschleiß schließen lassen, können doch das Schöne nicht ganz überdecken. Schließlich hat der Klang neben dem hohen Gewicht und dem dekorativen Design den über 100 Jahre alten Instrumenten bisher das Überleben gesichert. Doch wie wichtig ist dabei der Klangaspekt überhaupt? Zurzeit gibt es enorm viele alte Tasteninstrumente, die auf dem Gebrauchtwarenmarkt veräußert werden. Ein Blick in Ebay genügt, um bei der Klaviersuche vollends verunsichert zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Alltagsprodukten gilt für Klaviere, dass neu nicht immer die erste Wahl ist. Da die Alterung und der Verschleiß recht langsam erfolgen, sind gebrauchte Klaviere eine ernst zu nehmende Alternative zu neuen Instrumenten. Neben diesen häufig bis zu 30 bis 40 Jahre alten Klavieren gibt es aber auch weitaus ältere Modelle aus der vorletzten Jahrhundertwende. Was diese Instrumente auszeichnet, sind ein voller Klang und hervorragende Qualität. Allerdings kann ein Flügel nach 100 Jahren kaum ohne aufwendige Instandsetzung genutzt werden.
Warum gerade dieses Alter besonders herausragt, kann anhand der Geschichte gezeigt werden.

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"The final publication is available at Springer via http://dx.doi.org/10.1007/s00398-016-0060-y".

Klavierlack oder die „Kunst des Lackierens"

boesendorfer lackierenNur wenige Möbel, Autos und andere Gebrauchsgegenstände wurden so aufwendig lackiert wie Klaviere und Flügel. Dies hat seit über 200 Jahren Gültigkeit. Und so steht der Klavierlack ganz allgemein für Lackierungen in höchster Vollendung.

Dies ist wahrlich eine Kunst, da die Eigenschaften des Lacks so günstig zu nutzen sind, dass die einfallenden Lichtstrahlen möglichst geschickt in Wirkung gesetzt werden.

Die Eleganz von Palisander, die Seidigkeit von Eisbirke oder die Tiefe einer schwarzen Hochglanzfläche liegt letztlich in der Hand des Lackierers.

Franz Wenzel spricht 1926 von Luxuslackierung in höchster Vollendung, wenn er über die Lackierung von Klavieren schreibt. Diese und andere Bezeichnungen zeigen, dass Klavierlack primär für eine hohe Lackierqualität und nicht für ein spezielles Verfahren steht.

Der zeitlichen Entwicklung nach kamen früher Schleiflacke und Polituren zum Einsatz, während heute Nitro-, Acryl-, PU- und Polyesterlacke verwendet werden.

PolyesterlackDas Aussehen von schwarz polierten Polyesterflächen assoziieren wir heute besonders mit Klavierlack. So bekommt in der Werbung fast jede schwarz hochglänzende Fläche das Prädikat Klavierlack.

Die Vergangenheit geht dabei wesentlich vielschichtiger mit der Thematik um. Während es heute leicht möglich ist allem ein schwarz hochglänzendes Aussehen zu geben, war dies zu Beginn eine Besonderheit. Die Klaviere des frühen 19. Jhd. waren zumeist holzfarben ausgeführt, sodass hierbei eine Vielzahl heimischer und exotischer Hölzer als Dekor Verwendung fanden. Erst ab 1850 kamen schwarze Lackierungen in Mode.
Im Gegensatz zu einer holzfarbenen Fläche wirkt eine schwarze Hochglanzfläche wie ein abgedunkelter Spiegel, in dem sich jede Unebenheit sofort im Spiegelbild bemerkbar macht. Diese Besonderheit verlangt eine enorm hohe Güte des Untergrunds und der Lackierung - Eine Herausforderung - insbesondere was die großen, geraden Flächen eines Flügels angeht.

Bis heute gibt es keinen Lack der ohne entsprechende Nachbehandlung ausreichend gut verfließt, sodass immer diverse Schleif- und Poliervorgänge erforderlich sind.

In der neueren Zeit werden moderne Lacke mittels Sprühpistole aufgebracht, während früher mit dem Pinsel lackiert oder mit dem Ballen poliert wurde.

Vom Lackieren spricht man immer dann, wenn lediglich Lack aufgetragen wird. Schleifen und polieren beinhaltet dabei das Glätten der Fläche.

Während beim Polieren von lackierten Flächen von diesen etwas Material abgetragen wird, ist das Hand- oder Schellackpolieren ein auftragendes Polier-Verfahren. Hierbei wird mittels eines Stoffbausches etwas Schellacklösung aufgetragen. Dies ergibt so dünne Schellack-Schichten, dass die Fläche dabei immer glatt bleibt.

Modere Lackiermethoden

Polyester reperaturkitZunächst soll auf die modernen Lacke eingegangen werden, während später die historischen Lackiermethoden ausführlich betrachtet werden.

Der erste moderne Lack kommt Anfang des 20 Jhd. auf den Markt. Hierzu werden statt der bisher üblichen Naturharze, solche aus künstlicher Herstellung verwendet.
Diese waren vor allem billig und im großen Maße verfügbar. Zwei Eigenschaften, die eine Ära der Kunstlackentwicklung nach sich zogen. Das Prinzip, dass Harze - ob natürliche oder künstliche - in einem Lösemittel gelöst werden, blieb seit jeher gleich. Erst Mitte des 20 Jhd. setzten sich auch komplett aushärtende, anschließend unlösliche Lacke durch. Hierzu zählen auch die Polyesterlacke, die heute besonders durch schwarze Klavierlackierungen ersichtlich sind. Polyesterlack bildet eine recht dicke Schicht, die gut schleifbar und polierbar ist. Nachteilig ist dabei die fehlende Löslichkeit und damit die Irreversibilität der Lackierung, sowie die formverfremdende Wirkung durch die dicke Lackschicht. Für die Restaurierung sind Polyesterlacke daher ungeeignet.
Heute werden Lacke zumeist mit Druckluft aufgesprüht. Das besonders ebene Aussehen entsteht durch diverse Zwischenschliffe und das finale Polieren, welches ein immer feiner werdendes Schleifen darstellt.
Daher kann der moderne Begriff 'Klavierlack' durchaus mit dem traditionellen Schleiflack gleichgesetzt werden. Zwar haben sich die Lacke in den letzten 100 Jahren verändert, der Wunsch nach einer perfekt ebenen Fläche blieb jedoch erhalten.

Historische Lackiertechniken

schleiflackFrüher wurde Schleiflack mittels Pinsel aufgetragen. Viele Schichten nacheinander wechselten sich mit diversen Schleifintervallen ab. Wie heute auch, wurde zum Abschluss die Fläche auspoliert. Je nachdem welche Verwendung der zu lackierende Gegenstand später hatte, konnte man auf verschiedenartige Lacke zurückgreifen. Bei Klavieren waren dies meist Lacke auf Spiritusbasis, wobei für Exporte in tropische Länder auch dauerhaftere Lacke genutzt wurden. Bei stärker beanspruchten Gegenständen waren dies meist fette Leinenöllacke. Prinzipiell gilt dabei: Je höher der Schmelzpunkt des Harzes, desto robuster ist es später.
Bei Klavieren sind Spirituslacke auf Schellack- oder Kopal-Basis besonders geeignet. Zudem werden ätherische Öle und weitere Harze beigemischt, um die Verarbeitung und das Fließverhalten zu verbessern. Besonders gute Spirituslacke verlaufen zu absolutem Hochglanz.
Harze sind dabei die getrockneten Baumsäfte, welche in Alkohol, Terpentin oder Leinöl löslich sind. Schellack ist im engen Sinne kein echtes Harz, da es nicht rein pflanzlich ist. Dieser lässt sich aber gut in Alkohol lösen und bietet einige vorteilhafte Eigenschaften.

Historische Poliertechniken

PolierballenAls eine einfache, aber praktische Alternative zum Lackieren bietet sich das Polierverfahren an. Der Ablauf ist dabei ein anderer, der verwendete Lack jedoch vergleichbar mit den Spirituslacken. Da meistens Schellack zum Polieren verwendet wird, spricht man von Schellackpolitur, Handpolitur oder Schellackhandpolitur. Im Gegensatz zu den abrasiven Polierverfahren der Schleif- und Sprühlacke, ist das Handpolieren ein auftragendes Polierverfahren. Ein in Leintücher geschlagener Stoffbausch wird mit stark verdünntem Lack getränkt und immer wieder über die zu lackierende Fläche geführt. Dabei verschmelzen die dünnen Lackschichten miteinander zu einer glatten Fläche. Entscheidend für das Gelingen einer schönen Oberfläche ist ein ebener Grund. Da Holz eine porige und faserige Struktur hat, gilt es diese zu schließen und zu verfestigen, ohne dabei einen trüben Schleier durch eine Grundierung zu erhalten. Dazu wird etwas Bimsmehl oder Tripel mit Schellack in die Poren gerieben bis eine glasige Fläche entsteht, die gerade so die Poren verschließt. Hierdurch fängt das Holz bereits an zu glänzen, ohne dass sich eine Lackschicht auf dem Holz befindet. Nach wenigen dünnen Schellackschichten bekommt das Holz ein schönes Aussehen ohne verfremdende oder gar künstliche Wirkung. Übermäßiger Einsatz von Bimssteinmehl führt zu trüben Flächen, bei denen nach einiger Zeit weißliche Poren zu sehen sind.

Historische Lacke

KopallackDie Lacke mit denen früher poliert oder lackiert wurde, sind eine Lösung von Harzen in Lösemittel. Als Lösemittel wurden für schnell trocknende Lacke Alkohol, für mittlere Trocknungsdauer Terpentinöle und für besonders dauerhafte, langsam trocknende Lacke Leinöl verwendet.
Je nach Bedarf wurden dabei verschiedene Harze verwendet. Geschmolzener Bernstein, gelöst in siedendem Leinöl, war die solideste Variante.
Spirituslacke auf Alkoholbasis ergeben sehr schöne, jedoch nur für den Innenraum geeignete Oberflächen. Dazwischen gibt es jede Menge verschiedener Abstufungen.
Die beim Klavierbau verwendeten Spirituslacke bestanden in den besten Jahren aus Lösungen von Schellack und Kopal. Dabei gibt es auch hier viele Unterschiede und Rezepturen. Für Polituren wurden reine Harzlösungen bevorzugt, beim Lackieren bediente man sich noch an Zusätzen ätherischer Öle, welche zu einem besseren Fluss verhelfen. Als Beispiel sei hier das Terpentin aus Lärchen genannt.

KnopflackWährend Schellack ein leicht wachshaltiges und in vielen Farbabstufungen erhältliches Harz ist, sind gute Kopale härter, glasklar und nur schwach gelblich gefärbt. Die stark variierenden Härtegrade der Kopale ermöglichen, dass es für jedes Lösemittel eine passende Kopalart gibt. Der Begriff Kopallack kann irreführend sein, wenn nicht gleichzeitig auf das verwendete Lösemittel und das damit verbundene Anwendungsgebiet hingewiesen wird. Es gibt noch zahlreiche weitere Harze, die für Lacke verwendet wurden, jedoch sind wegen der Robustheit besonders die vorab genannten zu gebrauchen.
Am Rande sei angeführt, dass ölhaltige Lacke besonders für den Außenbereich oder den feuchten Innenbereich verwendet wurden. Als Beispiel sind Karosserielacke oder solche für Küchentische genannt.
Seit den Anfängen des 20Jhd. setzten sich auch vermehrt günstige Kunstlacke durch. Die Ersten dieser Art bestanden aus chemisch verändertem Kolophonium, welches ein eher minderwertiges Harz aus heimischen Nadelbäumen ist.

Literatur

Die Recherchen zu den Ausführungen basieren auf eigenen Versuchen und den Quellen historischer Fachliteratur.
Genannt seien hier:

  • Die Fabrikation der Copal-, Terpentinöl- und Spiritus-Lacke, Louis Edgar Andés, A. Hartleben, 1895
  • Die technischen Vollendungsarbeiten der Holz-Industrie, Louis Edgar Andés, A. Hartleben, 1888
  • Die Vollendungsarbeiten in der Schreinerei, Jacob Krall, K.Zimmermann, 1926
  • Das Lackierer-Buch, Franz Wenzel, Jüstel & Göttel, 1926
  • Das Schleifen Beizen und Polieren, Wilhelm Scmidt, Voigt Weimar, 1891

Resonanzboden, die Musik im Instrument.

Resonanzboden 01Der Resonanzboden, das klingende Instrument eines Flügels, unterliegt einem stetigen Alterungsprozess. Dabei verändert sich das Holz, sodass dieses mit hohem Alter steifer, dichter und elastischer wird. Eigenschaften die den Klang verändern. Holz alter Resonanzböden vermag so eine einzigartige Klangfülle und Tonfeinheit zu produzieren.
Durch den Alterungsprozess verliert der Resonanzboden leider auch an Spannung, welche maßgeblich die Dynamik steuert und den Obertonaufbau beeinflusst. Alte Flügel haben so zwar oft einen schönen romantischen Klang, sind jedoch nicht mehr ausreichend konzertant. Um beim Restaurieren der Flügel die Klangkraft und Dynamik zu regenerieren, muss die Wölbung und damit die Spannung des Resonanzbodens wieder hergestellt werden.
Der ursprünglich gewölbte Boden zeigt letztlich durch mehr oder weniger stark ausgeprägte Risse, dass die Wölbung durch den natürlichen Schwund im Holz gänzlich verbraucht ist. Die Risse allein stellen so kein Qualitätsunterschied da, denn die meiste Spannung ist bereits deutlich früher verloren gegangen. Es ist dabei klar, dass dieser Alterungsprozess bei jungem Holz anfangs deutlich schneller und später kaum noch spürbar ist. Wird ein alter Resonanzboden wieder in Stand gesetzt, so kann anschließend von einer deutlich verbesserten Klangstabilität ausgegangen werden.
Zur Spannung selbst sei angemerkt, dass es verschiedene Techniken zur Wölbung gibt, die ein Anpassen der Dynamik ermöglichen. Ledigliches Füllen der entstandenen Risse ist dabei nicht ausreichend.

Saitenschwingung und Mensur,

Besaiten 07ein eher theoretisches Konstrukt.

Angeregt durch den Anschlagsimpuls des Hammers fangen die Saiten an zu schwingen. Die physikalischen Eigenschaften der Saite filtern den breitbandigen Hammerimpuls, sodass aus dem Anschlagsgeräusch ein Klangspektrum entsteht. Dabei bilden Saitenlänge und Durchmesser zusammen mit den Hammerparametern: Anschlagspunkt, Hammermasse und Federsteifigkeit, einen charakteristischen Partialtonaufbau in der Saitenschwingung. Die Ganzheit dieses Konstrukts aller Saiten zusammen, bezeichnet man als Mensur. Das Wort wird in der Musik auch bei anderen Instrumenten für andere Bereiche genutzt. Was diesem dabei gemein ist, ist die charakterbildende Bedeutung dieses Bereichs. Genau genommen gehört vom Hammer nur der Anschlagspunkt zur Mensur, da aber auch die anderen beiden Hammerparameter untrennbar die Saitenschwingung beeinflussen, möchte ich diese hier betonen. Den Klang der isolierten Mensur können wir nicht hören, da die Saiten zu dünn sind, um einen entsprechenden Luftschall anzuregen. Die Mensur bleibt so ein eher theoretisches Konstrukt, welches beispielsweise an Rechnern analysiert werden kann. Abgesehen von einigen breitbandigen Anschlagsgeräuschen oder sehr hochfrequenten Saitenschwingungen, wird der Klang maßgeblich vom Resonanzboden abgestrahlt. Resonanzboden und Steg filtern erneut die Saitenschwingung und koppeln die Saiten untereinander. Dies erfolgt nichtlinear sowohl in der Zeit wie auch in der Frequenz. Ein einfacher Transfer von der Saitenschwingung auf den hörbaren Luftschall ist nicht möglich, bzw. Versuche klingen dann so synthetisch wie ein Keyboard.

Der Stimmstock

Stimmstock 04

20 Tonnen brauchen ein festes Fundament.

Der Stimmstock, ein Hartholz, welches unter der Gussplatte sitzt und die Saiten auf Spannung hält, gibt den Wirbeln und somit den Saiten ein festes Fundament. Die Zugspannung der Saiten beträgt mit unter 20 Tonnen und mehr. Dieser ist nicht jeder Stimmstock auf Dauer gewachsen. Oftmals ist es ausreichend, den Stimmstock zu restaurieren. Ist dieser jedoch zu stark in Mitleidenschaft gezogen, wird er ersetzt. Ein Holz, welches eine gute Kombination aus Härte und Zähigkeit aufweist, ist Bergahorn. Dieser wird in verschiedenen Schichten über Kreuz verleimt, um den Stimmwirbeln einen möglichst festen Sitz zu geben. Da der Stimmstock unter der Gussplatte sitzt und zum Teil ins Gehäuse eingebaut wird, ist die Instandsetzung mit viel Arbeit verbunden. Da bei den meisten alten Flügeln die Stimmhaltung nicht mehr gewährt werden kann, sind diese Restaurierungsarbeiten fast unvermeidbar. Durch den tiefen Eingriff und der kompletten Demontage der akustischen Anlage wird in der Regel neben dem Stimmstock auch der Resonanzboden restauriert. Saiten und Stimmwirbel müssen dabei ohnehin ausgetauscht werden.

Gussplatte bronzieren,

25etwas verstaubt aber noch nicht verschwunden.

Die traditionelle Oberflächenbehandlung der Gussplatte ist das Bronzieren. Heute werden hierfür Bronzepulver in Lack verrührt und aufgesprüht. Wie dies vor 100 Jahren gemacht wurde, ist nicht ganz klar. Die Optik einer alten Bronzierung ist weniger diffus als die heutigen. Das einfallende Licht wird etwas gerichteter reflektiert und erinnert etwas an eine Blattvergoldung. Da ohnehin jeder Hersteller hierfür etwas andere Techniken verwendete, fällt es heute sehr schwer vergleichbare Ergebnisse zu erzielen. Nach der Recherche in etlichen verstaubten und nur noch antiquarisch erhältlichen Büchern zur Lackierkunst und Vergoldung, haben wir einige Hinweise für eine historische Bronzierung gefunden. Hierbei werden verschiedene Bronzepulver auf die Gussplatte aufgestäubt. Dabei entsteht ein Metalleffekt, der so mit den heute üblichen Lackierverfahren nicht möglich ist. Aufgebracht wird die Bronzierung auf einen Ocker-, Asphalt- oder Gipsgrund, der auf das raue Gusseisen gespachtelt wird. Spezielle Lacke bilden anschließend einen Schutzfilm, sodass die Bronzen nicht oxidieren.
Glücklicherweise sind die meisten Materialien für eine solche Bronzierung noch erhältlich. Doch der Trend hin zu großer Massenproduktion wird in den nächsten Jahren die Vielfalt wohl schmälern.

Gehäuse: Möbel und/oder Klangkörper?

33Die alte Kunst des Lackierens und Polierens verleiht dem Flügel seine unvergleichbare Eleganz. Ausgeklügelte Formen schaffen ein ausgewogenes Bild, welches mit hohem Wiedererkennungswert den einzelnen Herstellern und der Zeitepoche des ausgehenden 19 Jhd. Zeugnis trägt. Die natürlichen Harze aus denen nach traditionellen Verfahren Lacke hergestellt werden, verbinden sich so innig mit dem Holz, dass ein unvergleichbar tiefes Farbbild erzeugt. Zudem sind derartige Lacke immer wieder lösbar und restaurierbar.
Doch wie verhält es sich mit dem Klang? Ist nicht nur der Resonanzboden klangabstrahlendes Instrument? Nun wird es komplizierter. Erstens gibt es je nach Hersteller verschiedenen Konzepte, das Gehäuse zu formen und zweitens hängt der Resonanzboden nun mal am Gehäuse. Ein gerade heute weitverbreitetes Gehäusekonzept ist, dieses möglichst steif zu gestalten, sodass möglichst wenig Energie aus dem Resonanzboden in Raste und Rim abfließen. In diesem Fall sind die dann auftretenden Gehäusemoden so klein, dass man diese vernachlässigt. Hierbei ist das Gehäuse aber immer noch Energieabsorber, denn ein Teil der Energie wird immer absorbiert. Eine Eigenart dieser Konstruktion ist das starke Anfangsvolumen des Tons direkt nach dem Anschlag.
Andere Gehäusekonzepte lassen durch etwas dünnere Balken- und Rimformen oder rastenlose Gehäuse, mehr oder weniger bewusst, das Gehäuse mitschwingen. Dabei entstehen wieder Eigencharakter und Wiedererkennungswerte. Der Energiefluss ist hier schwieriger zu steuern. Wichtig ist dabei, dass das Gehäuse dennoch möglichst wenig Energie dissipiert z.B. durch dicken Polyester-Lack, denn die Energie fließt ja auch wieder zurück in den Resonanzboden.

Ein Spielwerk

mechanik 6aus Mechanik, Klaviatur und Dämpfung

Mechanik, Tasten und Dämpfung bilden ein zusammenhängendes dynamisches System, das Spielwerk. Dieses gewährt dem Pianisten die Kontrolle über die akustische Anlage.
Meist sind die Spielwerke, trotz jahrzehntelangem Gebrauch, nach ihrer Restaurierung wieder komplett funktionstüchtig. Bemerkenswert ist, dass gute Mechaniken nach dieser langen Zeit immer noch kleinere Toleranzen aufweisen, als die neu produzierten.
Alte Flügel variieren, aufgrund ihrer verschiedenen Mechaniktypen und deren unterschiedlichen Hebelverhältnisse, wesentlich in ihrer Spielweise. Diese vorteilhafte Variationsbreite bleibt bei der Restaurierung erhalten.
Der Hammer bildet dabei das Verbindungsglied zwischen Mechanik und Akustik. Neben der präzisen Regulation der Mechanik entscheidet die Qualität des Hammers über den Klangcharakter, der schließlich aus dem Repertoire der Akustik ausgewählt wird.

Schellack-Handpolitur

schellack 013Beim Schellackpolieren wird mittels eines Ballens mit jedem „Überwischen" eine hauchdünne Lackschicht erzeugt. Nach anfänglichem Porenfüllen, wofür dem Schellack etwas Bimsstein zugesetzt wurde, wird das Holz nur gerade so lange poliert, bis es eben zu glänzen beginnt. Es erscheint dann so, als ob das Holz selbst anfängt zu glänzen. Diese Technik verleiht der Oberfläche die edelste aller Erscheinungsformen, da der Lack selbst dabei in den Hintergrund tritt. Sämtliche Formen, die dem Holz angedacht sind, bleiben dabei erhalten. Die Haltbarkeit einer solchen Politur ist nicht unerheblich, denn das Bimsteinpulver verhilft der Holzfläche zu großer Härte

Lacke aus Naturharz gelöst in Alkohol

lack 08Überall dort wo das Polieren nicht möglich oder nicht sinnig ist, gibt es eine Vielzahl an historischen Lackrezepten, die dafür gute Dienste leisten. So wird ein Schellack durch den Zusatz von ätherischen Ölen streichbar. Einem Resonanzboden gibt ein Kolophoniumlack seit jeher besten Schutz.

Bewährte Materialien und Techniken

faerben 02Viel Wissen aus den alten Handwerken ist verschüttet. Dadurch hat sich die Vielfalt stark reduziert. Mit hohem Aufwand ist es jedoch möglich vergleichbare Ergebnisse und Techniken zu regenerieren. Das Mischen von besonderen Lacken oder das Färben von Filzen gehören ebenso dazu, wie das Bronzieren nach alter Tradition.
Dabei ergibt sich hieraus ein doppelter Nutzen. Einmal ist es rein optisch eine Augenweide, die Dinge so zu sehen, wie sie einst aussahen, zum Anderen waren die alten Techniken auf Funktion optimiert und nicht wie heute vielfach nur auf die wirtschaftliche Ausbeute.

Etwas aus unserer Geschichte

Zwei Brüder mit einer jungen Werkstatt und einer alten Geschichte

Bereits 1880 begann unser Altonkel Oswald Kasig in der Betriebsführung des Traditions-Klavierbauunternehmens Ed. Seiler Liegnitz. Sein Neffe Edmund Kasig, unser Urgroßvater, lernte dort neben seiner Schreinerarbeit die Polier- und Stimmkunst. Die Liebe zur Musik und zum Handwerk ist unserer Familie bis heute erhalten geblieben. Früh begannen wir mit dem Klavierspielen. Ermuntert durch die Faszination vom Klang alter Instrumente, fing Jendrik bereits im Alter von zwölf Jahren an, sein erstes Klavier zu restaurieren. Mit wachsendem Enthusiasmus folgt er nun seit dem seiner Leidenschaft als Klavierbauer und Restaurator. So verwundert es nicht, dass auch ich mit vollem Ehrgeiz und im Sinne der Familientradition seit ich 14 bin zusammen mit meinem Bruder den Pianos folge.

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Rothe, J. Z Herz- Thorax- Gefäßchir (2016) 30: 132.

"The final publication is available at Springer via http://dx.doi.org/10.1007/s00398-016-0060-y".

Auf der Suche nach dem „richtigen“ Klavier

BuchAuch wenn früher nicht alles besser war,...

... waren es die Klaviere vielleicht doch?

Musikalische Ambitionen, die nicht für die Bretter der Welt bestimmt sind, kommen doch oft im Privaten zur Geltung. Vielleicht kommen diese hier sogar zur Vollendung, denn die Kunst im Privaten ist zumeist frei von äußeren Zwängen. Es sind daher viele Hobbymusiker, die die Werkstatt des Autors aufsuchen und darunter häufig auch Ärzte. Dies führte zu einer Verbindung, aus der der Gedanke erwuchs, einen Beitrag für die vorliegende medizinische Fachzeitschrift zu schreiben. Ob dem nun ein besonderer Grund oder reiner Zufall zugrunde liegt, ist nicht klar. Hier soll es jedoch um Klaviere und Flügel gehen. Speziell um Instrumente des endenden 19. und frühen 20. Jhs. Dieser Zeitraum beschreibt den Hochpunkt des deutschen Klavierbaus [2] und steht für technisch ausgereifte Pianos, die nach alter Tradition gebaut wurden.

Was zeichnet die alten Klaviere
aus?

Es ist die Suche nach dem ganz speziellen Charakter, der mal stark oder auch nur ganz schwach aus den „alten Klapperkisten“ zum Vorschein kommt. Die Mischungen verschiedenster Geräusche, die auf den Verschleiß schließen lassen, können doch das Schöne nicht ganz überdecken. Schließlich hat der Klang neben dem hohen Gewicht und dem dekorativen Design den über 100 Jahre alten Instrumenten bisher das Überleben gesichert. Doch wie wichtig ist dabei der Klangaspekt überhaupt? Zurzeit gibt es enorm viele alte Tasteninstrumente, die auf dem Gebrauchtwarenmarkt veräußert werden. Ein Blick in Ebay genügt, um bei der Klaviersuche vollends verunsichert zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Alltagsprodukten gilt für Klaviere, dass neu nicht immer die erste Wahl ist. Da die Alterung und der Verschleiß recht langsam erfolgen, sind gebrauchte Klaviere eine ernst zu nehmende Alternative zu neuen Instrumenten. Neben diesen häufig bis zu 30 bis 40 Jahre alten Klavieren gibt es aber auch weitaus ältere Modelle aus der vorletzten Jahrhundertwende. Was diese Instrumente auszeichnet, sind ein voller Klang und hervorragende Qualität. Allerdings kann ein Flügel nach 100 Jahren kaum ohne aufwendige Instandsetzung genutzt werden.
Warum gerade dieses Alter besonders herausragt, kann anhand der Geschichte gezeigt werden.

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